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Hausaufgabenhilfe
In die Schule gehen
Bedürfnisse und Ziele (er)spüren

Die 5 psychischen Grundbedürfnisse von Kindern

Für eine gesunde psychische Entwicklung ist die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse unerlässlich. Bei Schülerinnen und Schülern mit herausforderndem Verhalten beobachten wir häufig, dass ein oder mehrere dieser elementaren Bedürfnisse nicht ausreichend erfüllt sind. Dabei spricht man bei Kindern oft von fünf zentralen psychischen Grundbedürfnissen (während bei Erwachsenen noch das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung hinzukommt).

 

Wie Sie unten erkennen können, lassen sich die Praxis-Bausteine den Bedürfnissen zuordnen.

(nach Grawe und Sappok & Zepperitz, eigene Darstellung)

Orientierung

(Struktur, Verlässlichkeit)

Sichere Bindung

(Feinfühligkeit)

Autonomie

(Lust befriedigen, selbst bestimmen)

Zugehörigkeit

(Klasse, Freunde, Zuneigung erfahren)

Anerkennung

(Kompetenzerleben, Selbstwirksamkeit)

Selbst- verwirklichung (Erwachsene)

Lehrpersonen haben Einfluss darauf, stabile und resiliente Persönlichkeiten zu formen. Schulen sollten die psychische Gesundheit stärker in den Fokus nehmen.

Zuordnung Bedürfnis zu den Praxis-Bausteinen

- Struktur, Halt

- Werte & Haltung

- in Beziehung bleiben

- Struktur, Halt

- Lernen & Unterricht

- Klassenklima

- in Beziehung bleiben

- Think outside the box

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"Positive Beziehungen sind im Kontext von Schule geprägt von einer feinfühligen, responsiven Lehrperson, die bindungsbezogene Bedürfnisse 

des Kindes differenziert wahrnimmt und unmittelbar reagiert." (Langer & Eisfeld, 2019, S.142)

Ihre Aufgabe: Das Kind & seine Ziele kennen lernen

Wähle aus was dir hilft!

Lehrpersonen dürfen erspüren, welche Bedürfnisse und Ziele dem auffälligen Verhalten zugrunde liegen. Dazu gibt es 3 Möglichkeiten:

1) Vermutungen durch Beobachtung: Eine Beobachtung hilft uns durch Anzeichen zu erkennen, welche Bedürfnisse dem Kind fehlen könnten und welche Ziele hinter dem Verhalten stecken. Wird das Kind von Mitschülern oft abgewiesen? Erfährt das Kind durch die LP und den Kindern mehr Zurechtweisungen als Lob? Ist das Lust-Prinzip stark ausgeprägt? Hat das Kind keine schulischen Erfolge? Kann das Kind etwas für die Klasse beitragen und sich selbstwirksam erleben?

2) Vermutungen durch Information vom Kind (Empfehlung): Coachings helfen uns, Ziele und Bedürfnisse des Kindes zu spüren. Sie schaffen mehr Vertrauen. In einem Gespräch können viele Kinder äussern, was sie beschäftigt, wie z.B. "Ich habe keine Freunde" oder "Immer muss ich machen, was Sie sagen".

3) Vermutungen durch Wissen: Lesen Sie die unteren Beispiele! Sie geben Hinweise auf Bedürfnisse des Kindes. Bedenken Sie dabei jedoch stets, dass sie nicht eins zu eins übertragbar sind.

Kenne ich beim verhaltensauffälligen Kind das (Grund-)Bedürfnis oder Ziel seines Verhaltens, 

kann ich als Lehrperson diesem entgegenkommen (siehe Praxis-Bausteine).

3) Vermutungen durch Wissen

Prof. Dr. Thomas Müller lehrt und forscht am Lehrstuhl für Pädagogik bei Verhaltensstörung an der Universität Würzburg. In seinem Buch "Kinder mit auffälligen Verhalten unterrichten" (2022) führt er Fallbeispiele zu den häufigsten Problemen in der Schule und dessen möglichen Hintergründe auf. Die dahinterliegenden Bedürfnisse wurden teilweise von mir ergänzt. Seine Fälle sind hier kurz beschrieben und in seinem Buch ausführlich nachlesbar.

Kinder, die anderen schaden

Oft wachsen Kinder in Verhältnissen auf, in denen sie "klein gehalten" werden. Sie haben sich als nicht wertvoll und nicht selbstwirksam erfahren. In der Schule wollen sie sich "vergrössern" und sich selbst "ermächtigen",  weil sie sich zuhause als ohnmächtig erleben.

Bedürfnis/Ziel: Anerkennung, Autonomie (Selbstwirksamkeit).

Ideen: Bewusst in Rollen versetzen, die man ihnen nicht zutrauen würde, um neue Erfahrungen machen zu lassen (z.B. Mentor für Jüngere, Streitschlichter, etc.). Dabei können sie sich "gross" fühlen. Mit Wiedergutmachungen arbeiten (siehe Baustein Rituale, Halt, Regeln), Kind soll nicht nur Empfänger von Arbeitsanweisungen sein.

Kinder, die sich einmischen: "du hältst dich nicht an die Regel!"

Entweder wachsen diese Kinder in Verhältnissen auf mit starker Regulierung der Erziehung, wo sie sich unterodnen müssen und sie zumeist Strafe erfahren: In der Schule "machen sie die Regeln", um sich mächtig zu fühlen und Anerkennung zu erhalten. ODER Die Kinder müssen zuhause viel Verantwortung übernehmen, die nicht altersgemäss ist. Ihr Motto ist: "Ich muss der LP helfen, alleine schafft sie es nicht."

Bedürfnis/Ziel: Anerkennung ODER Kind darf Kind sein

Ideen: Sagen: "Ich bin für die Klasse verantwortlich", LP regelt Konflikte alleine, evtl. Einzeltisch, Anerkennung geben, wenig "Leerzeiten" im Unterricht

Kinder, die andere (in der Pause) manipulieren

Oft kann man diesen Schülern nichts nachweisen, da man es nicht gesehen hat. Jedoch sind sie nach Aussagen der SuS bei allen Streitigkeiten involviert. Die Kinder sind oft nicht selbstbewusst und brauchen Macht. Zuhause erleben sie sich oft als wenig stark und selbstwirksam. Das Kind erlebt Ohnmachtsgefühle, Erniedrigung oder Beschämung. Es zieht das Selbstwirksamkeitserleben aus dem Unglück andere Kinder.

Bedürfnis/Ziel: Anerkennung, sichere Beziehung

Ideen: LP muss Präsenz ausstrahlen sowie Verlässlichkeit, Glaubwürdigkeit und Transparenz (siehe Baustein Werte & Haltung), auch eine liebevolle Haltung ist wichtig, Präsenz der LP in Pausen, Rollen für das Kind schaffen um sich selbstwirksam zu erleben.

Kinder, die Strafe für sich "provozieren"

Diese Kinder haben gelernt, dass sie Aufmerksamkeit und Zuwendung nur dann erhalten, wenn sie negative, unerwünschte Verhaltensweisen zeigen. Ermutigung oder Lob haben sie nicht erfahren. Auch die negative Aufmerksamkeit ist eine Form der Zuwendung. Das Bild, häufig des Klassenclowns, ist so verfestigt, dass sie sich damit identifizieren.

Bedürfnis: Orientierung, Bindung, Anerkennung im Guten!

Ideen: Möglichst keine Strafe laute Ermahnungen und Zurechtweisungen! Ignorieren, Humor nutzen, Beziehungs-Zeit, Anstrengung würdigen, Erfolge gewähren

Kinder, die Aufträge verweigern

Gründe für solches Verhalten sind verschieden. 1. könnte das Kind gelernt haben "Wenn ich aufbrausend genug bin, muss ich nichts tun und bekomme was ich will".    2. könnten Kinder unter- oder überfodert sein. 3. kann das Kind unsicher-vermeidend gebunden sein und wehrt sich somit gegen Anweisungen von Erwachsenen, um die Sicherheit und die Kontrolle aufrechtzuerhalten (siehe "Bindung").

Bedürfnis: 1. Orientierung/Struktur, 2. Erfolgserlebnisse, 3. Bindung und Autonomie

Ideen: 1. Baustein Rituale, Halt, Regeln. 2. Lernerfolge. 3. Zeit für Beziehung und Auswahlmöglichkeit lassen, im Konflikt sachbezogen bleiben.

Kinder, die weglaufen

Oft haben diese Kinder einen inneren Konflikt, für den es in der Schule kein Raum gibt. Dieser Konflikt kann durch Abwertungserfahrung, ambivalente Erziehung, Lieblosigkeit etc. entstehen. ODER die Kinder erleben in der Schule massive Frustration im Unterricht (Unter- oder Überforderung) oder im Sozialen (Ausschluss/Mobbing).

Bedürfnis: 1. Sichere Bindung oder 2. Kompetenzerlebnis, Zugehörigkeit

Ideen: nicht strafen (da es zusätzlich beschämt), Beziehungsarbeit, Differenzierung, Strategiensuche "Was kannst du tun als wegzulaufen / wenn du frustriert bist?"

Kinder, die nicht sprechen

Oft ist dies für Lehrpersonen ein Rätsel, da man Gründe nur schwer finden kann. Das Nicht-Sprechen ist oft eine Reaktion auf das Erleben starker Ängste oder traumatischen Erfahrungen. Wer sich schützen muss, verhindert, dass es nach Aussen gelangt. Oft können die Kinder ihre Ängste nicht verbalisieren.

Bedürfnis: Sichere Bindung, Orientierung

Ideen: Kind im Unterricht miteinbeziehen "Ich sehe dich", jedoch nicht zur Antwort zwingen, mündliche Tests (Referate vor der Klasse) meiden da sie Ängste vergrössern kann, Fingerspitzengefühl, miteinander Flüstern, Handpuppen brauchen

Kinder, die sich in szene setzen

Meistens hat das Kind nur vordergründig ein Selbstbewusstsein. Die Kinder stammen oft aus familiären Verhältnissen, wo sie entweder nichts gelten und ständig Abwertung erfahren oder von überbehüteten Eltern, die das Kind zu wenig selbst erproben lassen.

Bedürfnis/Ziel: Anerkennung, Bindung, Orientierung

Ideen: "echte" Aufgaben anbieten (Gärtnern, Reparieren, Projektarbeit), sodass sich Kinder bewähren können. Widergutmachungen und diese würdigen, Humor einsetzen (nicht Sarkasmus!), Gelingensschritte anerkennen, Soziale Verantwortung übernehmen lassen (Mentor, Patenschaft,Pausenhelfer).

Kinder, die zu viel Nähe suchen

Diese Kinder sind typisch für das unsicher-ambivalente Bindungsmuster (Nachlesen auf der Webseite unter "Bindung").

Bedürfnis/Ziel: Orientierung und Bindung/Beziehung

Ideen: Beziehungsaufbau und sich bewusst Zeit nehmen und investieren, Sanduhr für Einzelarbeit, TimeTimer für zeitliche Verlässlichkeit, Tagesplan an der WT, kein Pultplatz bei der LP, Zuwendung zeigen wenn kleine Aufgaben gelöst sind, Arbeitsschritte verkleinern (zerschneiden der Arbeitsblätter)

Kinder, die sich ungerecht behandelt fühlen: "Das ist ungerecht!"

Dahinter stecken oft Verlusterfahrungen. Dies kann eine Freundschaft sein, Verlust vertrauter Orte durch Umzüge, der Tod der Grosseltern, Verlust eines Elternteils durch eine Scheidetung, etc. Damit einher gehen Verluste der Selbstkontrolle, des Autonomieerlebens oder der Emotionsregulation - wenn das Kind nicht unterstützt wurde (Trauma).  Kinder fühlen sich als Opfer und haben Angst weitere Verluste zu erleben. Ihr Motto: "Sag mir, dass es richtig ist, das Opfer zu sein, dann trägst du zu meiner psychischen Stabilität bei!"

Bedürfnis: Sichere Bindung, Orientierung, Autonomie

Ideen: BEZIEHUNG, sich nicht aus der Ruhe bringen lassen bei Wut des Kindes, für das Kind nachvollziehbare Sprache anwenden, kleine Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten bieten, nicht auf Diskussionen einlassen

Kinder, die andere bestehlen

Diese Kinder haben erfahren, dass die (Für)Sorge der Eltern ausblieb, in Form von Zuwendung, Liebe, Nahrung. Das Motto ist: "Wenn niemand für mich sorgt, sorge ich für mich alleine". Es stiehlt, weil es Angst hat, in Not zu geraten oder es kompensiert damit die fehlende "Lebensnahrung".

Bedürfnis: Sichere Bindung, Autonomie, Orientierung

Ideen: Entscheidungsmöglichkeiten gewähren, Verantwortung in Rollen übernehmen, offene Unterrichtsmethoden, Wiedergutmachungen bei Stehlen

Kinder, die den Raum nicht verlassen

"Rauswürfe" kennen diese Kinder in ihrem Leben bereits gut. Um nicht wieder in eine Ohnmachtsposition zu geraten, befolgen sie nicht die Anweisung der LP. Sie bleiben sitzen und ermächtigen sich in dieser Position. Das Kind gibt nicht auf, weil es ansonsten das Gesicht verliert.

Bedürfnis: Orientierung ohne Beschämung, Autonomie

Ideen: Überlegen, wie kann das Kind interessiert sein, sodass es zu keinem Konflikt kommt? Unterrichtsformen des Erforschens, der Projektarbeit, sagen dass man mit dem Verhalten nicht einverstanden ist und man nachher miteinander spricht.

Kinder, die sich nicht helfen lassen

Oft steckt dahinter eine unsicher-vermeidende Bindung (siehe "Bindung"). Zuhause ist wahrscheinlich Verwahrlosung oder Vernachlässigung der Fall. Den Kindern ist es wichtig vieles selbst zu kontrollieren und sich gegen Nähe zu wehren.

Bedürfnis/Ziel: Autonomie, verlässliche Beziehung

Ideen: Aufgaben mit Entscheidungsfreiheit oder Selbstkontrolle, Einzelarbeitsplatz, Rituale und Regeln (Sicherheit), dem Schüler Nähe-Distanz-Regulation überlassen, Entscheidungsräume geben: "Sag mir, wenn du soweit bist.", Beziehungs-Zeit

Kinder, die Lob nicht aushalten

Kinder, die nach jedem Lob die LP beleidigen, sind/waren massiven Abwertungs- und Ablehnungserfahrungen ausgesetzt. Die Kinder verinnerlichen die Wut der Bezugspersonen auf das Kind, sodass sie sich selbst innerlich ablehnen. Zuwendung und Anerkennung können mehr Konflikte schaffen, wenn eine ablehnende Identität besteht! Das Kind sucht die Erfahrung abgelehnt zu werden und sucht gezielt Konflikte.

Bedürfnis: Orientierung und Sicherheit, Sichere Bindung

Ideen: Respekt thematisieren, klare Haltung als LP, Rituale, Kind nicht abwerten vor der Klasse, Rituale der Verhaltensrückmeldung (z.B. am Ende des Tages), Beziehung

Leitfaden

Halten Sie im Leitfaden Ihre Gedanken zum Kind und dessen dahinterliegenden Bedürfnisse fest. Welche Hypothesen haben Sie?

Schreiben Sie die dazugehörigen Praxis-Bausteine (siehe Zuordnung oben) auf und evtl. bereits erste Ideen, um dem Bedürfnis entgegenzukommen.

Quellen

Müller, T. (2022). Kinder mit auffälligem Verhalten unterrichten: fundierte Praxis in der inklusiven Grundschule (2., aktualisierte Auflage.). München: Ernst Reinhardt Verlag.

Sappok, T. & Zepperitz, S. (2022). Das Alter der Gefühle: über die Bedeutung der emotionalen Entwicklung bei geistiger Behinderung (2. Nachdruck der 2. überarbeiteten Auflage.). Bern: Hogrefe.

Die Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe: https://www.klaus-grawe-institut.ch/archiv/das-beduerfnis-nach-selbstwert/

Verhaltenskompass

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