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Mutter und Sohn
Verlässliche und feinfühlige Personen

Wissen: Bindungstheorie

Kinder entwickeln Formen einer unsicheren Bindung, wenn sie früh die Erfahrung machen, dass die Eltern widersprüchlich handeln, sie wenig unterstützen und sie in ihren Bedürfnissen nicht gesehen werden (vgl. Störmer, 2022). Viele Studien bestätigen den Zusammenhang zwischen Bindungsunsicherheit und Verhaltensauffälligkeit. Eine unsichere Bindung ist ein Risikofaktor für die Entwicklung einer emotional-sozialen Beeinträchtigung (Bolz, Wittrock & Koglin, 2019). Unsichere Bindungserfahrungen haben negative Auswirkungen auf die Gefühlsregulation, die Wahrnehmung, soziale Kompetenzen & das Lernen:

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Bindungserfahrung         beeinflusst Gehirn          schwieriger Umgang mit Gefühlen, Selbst- und Fremdwahrnehmung, Beziehungsfähigkeit                

          erschwertes Lernen

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«Die Verhaltensweisen von Kindern mit unsicherer Bindung können für Lehrkräfte als störendes Verhalten, Ablehnung und Trotz gedeutet werden. Diese Interpretation des kindlichen Verhaltens kann dazu führen, dass sie die Beziehungserfahrungen und -erwartungen der Kinder bestätigen, indem sie ihrerseits ablehnend oder strafend auf das Verhalten der Kinder reagieren» (Bolz, Wottrock & Koglin, 2019).

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Für Lehrpersonen ist das Wissen um Bindungsmuster äusserst relevant. Es leitet uns an, nicht ablehnend oder strafend auf Verhaltensweisen zu reagieren. Dennoch dürfen und müssen wir konsequent sein, indem wir klare Regeln und Grenzen verlässlich setzen. Durch solch ein verlässliches und nicht-strafendes Verhalten erfährt das Kind in der Schule Stabilität und Sicherheit. Dies hat einen positiven Einfluss auf seine psychische Weiterentwicklung.

 

Die positiven Erfahrungen in der Schule können das Kind nach und nach verändern. Es ist jedoch realistisch, dabei stets mit 

Rückfällen im Verhalten zu rechnen.

Die westlich geprägte Bindungstheorie ist heute eine weit anerkannte und zentrale Theorie. Es gibt Aspekte, die auch auf Familien und Kinder aus anderen Kulturen mit abweichenden Werten und Lebensrealitäten übertragen werden können.

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Kulturübergreifende Prinzipien für eine förderliche kindliche Beziehungsentwicklung:

  • Jedes Kind benötigt eine stabile, verlässliche Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson, wie Eltern, Grosseltern, Lehrperson oder einer anderen wichtigen Betreuungsperson (bei anderen Kulturen auch ältere Kinder oder Gemeinschaft als Ganzes).

  • Das Prinzip, dass Verhalten eine Funktion hat und oft aus (unerfüllten) Bedürfnissen entsteht, ist universell, auch wenn die Bedürfnisse oder deren Ausdruck kulturell variieren können.

  • Bezugspersonen sollten sich am Tempo und an der Art des Kindes orientieren und es so begleiten, dass es zunehmend Vertrauen in die eigenen Kompetenzen entwickeln kann (vgl. Keller, 2021).

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Wenden Sie die Bindungstheorie nicht als starres diagnostisches Werkzeug an, um Kinder in Schubladen zu stecken.

Nutzen Sie sie vielmehr als eine erklärende Brille, die Ihnen hilft zu verstehen, warum Beziehungen so zentral sind.

Kulturübergreifend

Welche Bindungsmuster gibt es?

Gemäss der Bindungstheorie gibt es 4 verschiedene Bindungsmuster. Ein sicheres Bindungsmuster und drei unsichere Bindungsmuster.

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       sichere Bindung

       unsicher ambivalente Bindung

       unsicher vermeidende Bindung

       desorganisierte Bindung - Trauma

Sicher gebunden

Allgemein:

  • Bezugspersonen sind zuverlässig und unterstützend

  • auf emotionale Bedürfnisse wurde feinfühlig reagiert: Kinder lernten ihre Bedürfnisse durch die Bezugspersonen zu regulieren

Mögliches Verhalten in der Schule

  • können ihre Emotionen dem Alter entsprechend ausdrücken und regulieren

  • können sich auf Neues gut einlassen

  • gute Stressregulation

Unsicher-Ambivalent: Mangelnde Gewissheit der Fürsorge

Allgemein

  • keine verlässliche Reaktion der Personen: Manchmal wurde angemessen auf das Bindungsverhalten reagiert, manchmal nicht

  • Kind hat mangelnde Gewissheit, ob Bezugsperson für einen da ist; Führt zu starker Orientierung an Bezugsperson

  • für mehr Aufmerksamkeit wird der emotionale Ausdruck maximiert; Weinen, Schreien, Klammern (Kind lernt, Gefühle werden dann wahrgenommen, wenn sie impulsiv und heftig sind)

  • unfähig in Ruhe zu spielen, wenn Bezugsperson weg ist

  • Ängste: Trennungsängste, alleine sein

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Mögliches Verhalten in der Schule

  • überdurchschnittliche Problemwahrnehmung

  • geringe Sozialkompetenz

  • wiederholtes Versichern bei LP

  • Zugehörigkeit ist wichtiger als Individualität

  • wenig initiativ und selbständig

  • in freien Lernsituationen häufig überfordert

  • klammernd, Distanzierung der LP kann zu Aggressionen führen

  • zwischen aggressivem und hilfesuchendem Verhalten

  • nehmen Strafen für Aufmerksamkeit in Kauf

  • eher schulische Misserfolge, da fehlendes Explorationsverhalten

Was für Lehrpersonen wichtig ist

  • Fürsorge und Sicherheit

  • Beziehung

  • Autonomie stärken

  • Stressregulation

  • Positive Rückmeldungen zu gutem Verhalten

  • Verbal Halt vermitteln ("Ich bin immer für dich da, auch wenn es schwierig ist")

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Erste Bausteine für die Praxis

  1. In Beziehung bleiben

  2. Struktur, Halt, Regeln

  3. Emotionen und Regulation

Unsicher-Vermeidend: Ablehnung, Strafe

Allgemein

  • Bezugspersonen reagieren auf Bindungsverhalten des Kindes eher mit Zurückweisung, Ablehnung oder mit Strafe

  • Kind erlebt sich nicht als liebenswert

  • vermeidet weitere Bindung aufgrund negativer Erfahrung

  • negative Gefühle werden unterdrückt, um weitere Ablehnung zu vermeiden

  • lernt, dass positive oder neutrale Gefühle erwünscht sind

  • wendet sich mehr der Sachumwelt zu

 

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Mögliches Verhalten in der Schule

  • unterdurchschnittliche Problemwahrnehmung, ausser extrem vermeidend gebundenen Kinder: Sie haben eine starke Problemwahrnehmung

  • geringe Sozialkompetenz

  • Kind reagiert scheinbar gleichgültig auf Beziehungsangebote oder lehnt sie ab

  • vermeidet Nähe; Hilfe wird zurückgewiesen "Ich kann es alleine, ich brauche dich nicht"

  • wendet sich selten an die LP für Unterstützung

  • will unabhängig sein, kann aggressiv bei Anweisungen werden "du musst..."

  • zeigt kaum Verunsicherung

  • Schwierigkeiten altersgemäss Emotionen auszudrücken und Emotionen anderer wahrzunehmen

  • geringes Bedürfnis nach Trost

Was für Lehrpersonen wichtig ist

  • Orientierung und Sicherheit

  • Verbal Halt vermitteln ("Ich bin immer für dich da, auch wenn es schwierig ist")

  • Sachorientierte Aktivitäten anbieten und so in Beziehung gehen

  • Emotionen & Regulation: Strategien

  • Aufbau des Selbstwerts

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Bausteine, die für die Praxis helfen

  1. Struktur, Halt, Regeln

  2. Emotionen und Regulation

  3. In Beziehung bleiben (physisch nicht zu nah)

  4. Lernen & Unterricht (Autonomie)

Desorganisiert: Trauma, Gewalt, Vernachlässigung, Stress

Allgemein

  • hohes Mass an Verwirrung und Inkonsistenz der Eltern

  • Kind zeigt im Bindungsverhalten viele Widersprüchlichkeiten
  • um negative Zuwendung der Bezugspersonen zu kontrollieren entwickeln Kinder Strategien, z.B. feindselig-aggressives Verhalten (erleben sich dadurch als selbstwirksam)
  • eigenes Trauma oder Trauma der Eltern (überträgt sich auf Kind), Risiken: Armut, Naturkatastrophe, Flucht, Missbrauch, Gewalt
  • schädliche Schwangerschaft (z.B. hoher Alkoholkonsum, chronischer Stress der Mutter)

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Mögliches Verhalten in der Schule

  • Widersprüche im Verhalten; sucht Nähe der LP, vermeidet Nähe der LP

  • unvorhersehbares Verhalten

  • angespannt und gestresst, "auf Nadel", Stresslevel konstant hoch
  • prüfen die Beziehung zu Kindern/Erwachsenen ständig: Hast du mich noch gerne, wenn ich so und so handle?
  • mangelnde Mentalisierungsfähigkeit; können Gedanken und Gefühle anderer schwer verstehen und passend reagieren; müssen es lernen (Frei Liebrich, 2023)
  • Gehirn kann Stress schlecht regulieren (del Monte, 2023)

Was für Lehrpersonen wichtig ist

  • Wir wissen, dass die Verhaltensweisen Bewältigungsstrategien sind und sich nicht gegen uns richten

  • Containing: "Aushalten" der Emotionen

  • Selbstfürsorge

  • Beziehung nie fallen lassen (wissen, wie respektvoll in herausfordernden Situationen reagieren)
  • Emotionen verbalisieren als LP, Strategien erarbeiten mit Kind

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Bausteine, die für die Praxis helfen

  1. Selbstfürsorge

  2. In Beziehung bleiben

  3. Emotionen & Regulation

  4. Struktur, Halt, Regeln

Das was ich tue, ist eine Bewältigungsstrategie, um mich zu schützen.

 

Beziehungserfahrungen prägen den eigenen Selbstwert.

 

Quellen

Bolz, T., Wittrock, M. & Koglin, U. (2019). Schüler-Lehrer-Beziehung aus bindungstheoretischer Perspektive im Förderschwerpunkt der emotionalen und sozialen Entwicklung. Zeitschrift für Heilpädagogik, 11, 560-571. Verfügbar unter: https://www.pedocs.de/volltexte/2022/25147/pdf/Bolz_Wittrock_Koglin_2019_Schueler-Lehrer-Beziehung.pdf. Zugriff am: 05. Oktober 2023.

Hehn-Oldiges, M. (2021). Wege aus Verhaltensfallen: pädagogisches Handeln in schwierigen Situationen (Pädagogik). Weinheim Basel: Beltz.

Müller, T. (2022). Kinder mit auffälligem Verhalten unterrichten: fundierte Praxis in der inklusiven Grundschule (2., aktualisierte Auflage.). München: Ernst Reinhardt Verlag.

Weiterbildung "Psychotraumatologie" am SIPT Institut in Winterthur (2023): Martina Frei Liebrich und Damir del Monte

Schwark, B., Schmidt, S. & Strauß, B. (2000). Eine Pilotstudie zum Zusammenhang von Bindungsmustern und Problemwahrnehmung bei neun- bis elfjährigen Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 49, S. 340-350.

Langer, J. & Eisfeld, M. (2019). Repräsentationen der Lehrer-Schüler-Beziehung aus Sicht von Lehrpersonen.Vergügbar unter: https://www.pedocs.de/volltexte/2022/25188/pdf/ESE_2019_1_Langer_Eisfeld_Repraesentationen_der_Lehrer.pdf. Zugriff am: 29. Dezember 2023.

Keller, H. (2021). Mythos Bindungstheorie. Konzept Methode Bilanz (2., überarbeitete Auflage.). Weimar: Verlag das Netz.

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