VERHALTENSKOMPASS

Verhalten verstehen
Wissen hilft uns Situationen besser einzuschätzen, uns besser abzugrenzen und
gezielte pädagogische Entscheidungen zu treffen.
Jeder Mensch verhält sich aus seiner Sicht verständlich (vgl. Molnar & Lindquist).
Kinder greifen immer auf erlernte und ihres Erachtens sinnvolle Bewältigungsstrategien zurück.
Warum handeln wir so, wie wir handeln?
Bei jedem Reiz, den wir von Aussen wahrnehmen, bauen wir eine Vorhersage im Gehirn auf. Vorhersagen entstehen auf Basis unseren gespeicherten Vorerfahrungen im Gehirn. Die Vorhersage gleicht das Gehirn mit dem Reiz von Aussen ab. Entspricht der Reiz nicht der Vorhersage, kann dies zu Stress und Unsicherheit führen. Da jeder Mensch unterschiedliche Erfahrungen gemacht hat, nimmt auch jeder die Welt auf seine eigene Weise wahr (Lenzen, 2018).
Kinder mit herausforderndem Verhalten verfügen ebenfalls über eigene Vorerfahrungen – und somit über andere Vorhersagen. In der Schule greifen sie auf Bewältigungsstrategien zurück, die sich im häuslichen Umfeld als Schutzmechanismen bewährt haben.

Ungünstige Strategien: Vermeidung, Selbstabwertung ("Ich kann nichts"), Selbstmitleid, Flucht, Fantasiedenken, Emotionsunterdrückung, Mutismus, Klammern, emotionale Expressivität, (passive) Aggression, Selbstaggression, sozialer Rückzug, Grübeln, Schuldzuweisung an andere, Prokrastination, Risikoverhalten, Verleugnung, Überkompensation, etc.,
Günstige Strategien: Entspannungstechniken, positive Umdeutung, Selbstmitgefühl, Sport, kreativer Ausdruck, Humor, Unterstützung suchen, lösungsorientiertes Vorgehen, Akzeptanz
Leitfaden: Der Kompass



Hintergründe von Verhaltensauffälligkeiten verstehen
die eigenen Fähigkeiten reflektieren
Der Leitfaden basiert auf aktuellen theoretischen Erkenntnissen & Forschungsergebnissen und beinhaltet folgende 4 Bereiche:
Zusatz: Input 1,2,3
1.Die Sache mit der Ursache...
Die Ursachen für auffälliges Verhalten bei Kindern sind äusserst vielschichtig. Für uns als Lehrpersonen ist es oft schwer, die genauen Hintergründe vollständig zu erfassen. Uns fehlen naturgemäss Informationen (z.B. zur familiären Situation, zu prägenden Erlebnissen) oder sie liegen uns nur unvollständig vor. Zugleich neigen wir dazu, schnelle, oft stark vereinfachte Erklärungen für Verhalten zu finden, wie zum Beispiel 'Zuhause wird nicht auf das Kind geschaut'. Solche Pauschalurteile werden der Komplexität der Situation jedoch nicht gerecht. Wir müssen anerkennen, dass uns die 'ganze Wahrheit' über die Ursachen meist verborgen bleibt. Stattdessen können wir versuchen, uns dem Verständnis anzunähern: durch aufmerksame Beobachtung des Kindes und das darauf basierende Bilden von Vermutungen (vgl. Ziemen, 2022). Dabei ist die wichtige Erkenntnis, dass jedes Verhalten aus Sicht des Kindes in seiner Situation einen Sinn erfüllt. Verstehen ist somit ein fortlaufender Prozess, bei dem unsere Vermutungen stets vorläufig und anpassbar sind.
2. Kinder "provozieren" nicht! - Was sind Bewältigungsstrategien?
Verhalten, das wir als provokativ oder herausfordernd empfinden, ist bei Kindern selten bösartig gemeint. Vielmehr ist es oft ein Ausdruck oder eine Reaktion auf nicht erfüllte Bedürfnisse wie Aufmerksamkeit, Zuneigung, Sicherheit oder Bestätigung. Bleiben diese grundlegenden Bedürfnisse unerfüllt, entwickeln Kinder diverse Strategien, die von Aussenstehenden als provokant wahrgenommen werden können. Es ist daher entscheidend, die dahinterliegenden Bedürfnisse zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren, anstatt das Verhalten vorschnell als bewusste Provokation zu interpretieren.
Besonders Kinder, deren grundlegende Bedürfnisse zu Hause unzureichend erfüllt werden, lernen Bewältigungsstrategien – beispielsweise um sich gegen erlebte Demütigung oder Machtlosigkeit zu 'ermächtigen'. Was wir dann als Provokation erleben (z.B. ein Kind verweigert sich), ist aus der Perspektive des Kindes oft ein Versuch, Kontrolle oder Selbstachtung zurückzugewinnen – letztlich eine Schutzstrategie. Wenn wir solches Verhalten als (manchmal ungünstige) Bewältigungsstrategie sehen, fällt es uns als Lehrpersonen leichter, professionelle Distanz zu wahren und uns in herausfordernden Situationen weniger persönlich angegriffen zu fühlen (vgl. Wölfl, 2022).
3. Eltern sind wichtig - Aber was, wenn Eltern nicht kooperieren?
Verhaltensauffällige Kinder haben meistens schwierige familiäre Verhältnisse: Armut, Fluchterfahrung, psychische Krankheiten der Eltern, lieblose Erziehung, überfordernde und autoritäre Erziehungsstile, verbale Gewalt, physische Gewalt, Vernachlässigung, usw. Wichtig ist auch diese Eltern als Partner zu sehen und gemeinsam Lösungen anzugehen. Doch gerade wenn Eltern selbst stark belastet und wenig kooperativ sind, stellt das uns Lehrpersonen vor erhebliche Herausforderungen.
Was wir in der Schule tun können, ist Halt und eine sichere Bindung dem Kind anzubieten, sodass sich das Verhalten in der Schule verbessert. Wir müssen jedoch stets mit Rückschlägen des Kindes rechnen, da es jeden Tag der schwierigen Situation ausgesetzt ist. Wichtig ist: Rückschläge im Verhalten sind normal und sind kein Versagen von uns Lehrpersonen.
Oft liegt dem Verhalten ein (dem Kind unbewusstes) Bedürfnis zugrunde. Dieses Bedürfnis generiert eine Motivation und ein damit verbundenes Ziel. Zur Erreichung dieses Ziels entwickeln Kinder dann Strategien.