VERHALTENSKOMPASS


Wie arbeite ich im System?
Verankerte Unterstützung unter Lehrpersonen
Der Beruf der Lehrperson ist nach wie vor geprägt vom Einzelkämpfertum im Klassenzimmer. Verläuft ein Schuljahr ruhig, etwa durch wenige herausfordernde Kinder, wird es als angenehm erlebt. Treten jedoch viele Verhaltensauffälligkeiten auf, wird das Jahr schnell belastend. Lehrpersonen vergleichen sich häufig untereinander. Dies führt oft dazu, dass Probleme aus Scham nicht angesprochen werden. Gefühle wie Scham, Neid, Minderwertigkeit, aber auch Überheblichkeit sind im Kollegium verbreitet. Der Ursprung dieses Phänomens liegt meist in der eigenen Schulzeit: Durch Noten und ständige Vergleiche haben viele gelernt, andere eher als Konkurrenten denn als Unterstützer zu sehen.
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Umso wichtiger ist es, dass sich Lehrpersonen heute als Gemeinschaft verstehen und gemeinsam auf systemischer Ebene handeln.
Ein gemeinsamer Leitsatz könnte lauten: „WIR Lehrpersonen sind für ALLE Kinder dieses Schulhauses verantwortlich.“
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Langfristig entstehen so gesunde Arbeitsbeziehungen, ein gestärktes Gefühl von Selbstwirksamkeit – und es kommt zu weniger Burnout-Fällen.
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Praxis der UnterstÜtzung
1 Lehrperson hat 2 Lehrperson-Mentoren:
Verhält sich ein Kind während eines Schultages stark verhaltensauffällig und verstösst mehrfach gegen die Regeln, sollte noch am selben Tag ein Gespräch mit dem Kind stattfinden. Dieses Gespräch findet nicht nur zwischen der Klassenlehrperson und dem Kind statt, sondern zusätzlich in Anwesenheit einer Mentoren-Lehrperson (z.B. einer Lehrkraft aus einem angrenzenden Klassenzimmer). Diese wird für ein kurzes Gespräch von etwa fünf Minuten hinzugezogen. Im gemeinsamen Gespräch wird die Verantwortung für das Verhalten an das Kind zurückgegeben, indem von ihm eine Lösung oder eine Form der Wiedergutmachung erwartet wird. Die Haltung der Lehrpersonen ist dabei zentral: Es geht nicht um eine Machtdemonstration, sondern um die Botschaft:
„Wir sind da, du bist uns wichtig, wir lassen dich nicht fallen.“
Das Kind erfährt so Halt, Orientierung und erlebt zudem, dass die Lehrpersonen kooperativ zusammenarbeiten. Diese Form der unmittelbaren, gemeinschaftlichen Intervention zeigt eine stärkere Wirkung.
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Öffentliche Fallbesprechungen / Team-Coachings:
Pro Schuljahr finden oft nur wenige Team-Coachings statt, die oft auf der Stufe durchgeführt werden. Damit auch andere Lehrpersonen davon profitieren können, sollen Zeit und Thema der Coachings stufenübergreifend zugänglich gemacht werden.
Häufig kämpfen beispielsweise Lehrpersonen im Kindergarten und in der 1./2. Klasse mit ähnlichen Herausforderungen. Durch die Öffnung der Team-Coachings können einerseits Lehrpersonen mit ähnlichen Problemen zusätzliche Unterstützung erhalten. Andererseits haben Lehrpersonen, die sich in einem bestimmten Thema besonders kompetent fühlen, die Möglichkeit, sich einzubringen und das Team zu stärken.
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Klassenübergreifender IF-Unterricht:
Alle Lehrpersonen tragen gemeinsam Verantwortung für verhaltensauffällige und/oder lernschwache Kinder. Teamarbeit ermöglicht es, Ressourcen gezielter und effektiver einzusetzen. IF-Lehrpersonen oder die SSA können Kinder mit ähnlichen Lernfelder "bündeln" und so, falls möglich, klassenübergreifende Angebote/Kurse anbieten.
Die Eltern als Partner sehen
Bei stark verhaltensauffälligen Kindern neigen wir Lehrpersonen manchmal dazu, die Eltern vorschnell als „unfähig“ oder „desinteressiert“ abzustempeln und sie nicht mehr als Partner wahrzunehmen. Oft beurteilen wir Familien und entwickeln Vorurteile, ohne sie wirklich zu kennen. Die Ursachen des kindlichen Verhaltens werden dann vorschnell der elterlichen „Unfähigkeit“ zugeschrieben, und wir geraten in eine Haltung der Resignation: „Was kann man da noch erwarten?“
Hinzu kommt die Sorge, bei Gesprächen über schulische Schwierigkeiten auf starke Kritik der Eltern zu stossen. Dies kann die Zusammenarbeit hemmen und dazu führen, dass wir im Schulalltag alleine mit dem Kind kämpfen, ohne die Eltern einzubeziehen oder ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Dabei ist klar:
Das verhaltensauffällige Kind ist ein gemeinsames Anliegen.
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Das Kind soll spüren, dass sowohl Eltern als auch Lehrpersonen Verantwortung übernehmen und beidseitiges Interesse an seiner Entwicklung besteht. Deshalb ist es entscheidend, Geschehnisse in der Schule transparent mitzuteilen und in regelmässigem Kontakt zu bleiben. Das gibt dem Kind Halt und Orientierung. Schon eine einfache Aussage der Eltern wie „Wir haben mit deiner Lehrperson gesprochen“ kann für das Verhalten des Kindes äusserst wirkungsvoll sein.
Praxis
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Einen klaren Rahmen schaffen:
Verhaltensrückmeldungen erfolgen zu Beginn bestenfalls wöchentlich (an einem festen Wochentag, zu einer festen Zeit), telefonisch, vor Ort oder schriftlich. So spürt das Kind, dass ein verlässlicher Austausch zwischen Eltern und Lehrperson besteht und dass sich beide Seiten um sein Wohl kümmern. -
Transparenz herstellen:
Vorkommnisse in der Schule werden zeitnah und offen kommuniziert. Dadurch wird die Verantwortung der Eltern nicht untergraben, und die Sicherheit aller Kinder in der Klasse bleibt gewährleistet. -
Austausch positiver Methoden:
Bewährte Methoden, die sowohl in der Schule als auch zu Hause wirken, sollen ausgetauscht werden. Strategien wie der Einsatz gleicher Bilder oder Strategiekarten können in beiden Lebenswelten für mehr Kontinuität sorgen. -
Positiver Erstkontakt:
Beim ersten Austausch sollten bewusst auch die Stärken und positiven Entwicklungen des Kindes benannt werden. So spüren die Eltern, dass der Lehrperson das Wohl ihres Kindes am Herzen liegt. Sätze wie «Ich mache mir Sorgen um Ihr Kind, weil…» sind hilfreich, um Schwierigkeiten anzusprechen. -
Hartnäckig bleiben:
Dranbleiben lohnt sich: Konsequenten Kontakt zu halten kann bewirken, dass Eltern sich ihrer Verantwortung bewusster werden, sich sicherer fühlen und anfangen, ihre Sorgen und Probleme offen zu teilen. Auch die SSA / SHP kann den Kontakt aufrechterhalten. -
Offene Haltung bewahren, Vorurteile reflektieren:
Welche Vorurteile könnten gegenüber bestimmten Eltern oder kulturellen Hintergründen bestehen? Es ist wichtig, sich dieser bewusst zu werden, sie zu hinterfragen und eine offene, respektvolle Haltung einzunehmen.
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"Gespräche mit Eltern sind der Schlüssel zum Erfolg!"(Becker, 2023)
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Gesamtschulische Möglichkeiten
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Weitere schulische und ausserschulische Angebote der Gemeinde / des Kantons
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