VERHALTENSKOMPASS
Wissen und Praxis zur Frustration

Zu viel Frustration im
bisherigen Leben erfahren
Bei wütendem oder aggressivem Verhalten wird oft von geringer Frustrationstoleranz gesprochen. Dr. E. Wölfl (2022, S. 128), ehemalige Sonderschulrektorin und -pädagogin, beschreibt in ihrer Literatur Kinder mit niedriger Frustrationstoleranz wie folgt:
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«Meine Erfahrung ist, dass die Kinder oft so viele Frustrationen erlebt haben und noch erleben, dass sie einfach keine weiteren aushalten wollen. Sie fangen dann an, Aufgaben zu vermeiden, beim Spiel zu mogeln oder alles, was Schwierigkeiten beinhalten könnte, doof oder langweilig zu finden».
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Wölfl betont, dass diese Kinder schnelle Erfolgserlebnisse suchen, um Kontrolle und damit ein angenehmes Gefühl zu erhalten. Computerspiele bieten ihnen oft genau das.
keine Belohnungssysteme,
Verstärkerpläne

Belohnungssysteme sind für Kinder geeignet mit einem stabilen Selbstwert und mit einer ausreichenden Frustrationstoleranz. Bei Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten können Belohnungssysteme kontraproduktiv sein:
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"Die Belohnungen führen dazu, dass das Ausmass an Frust verstärkt und ihr Selbstwert weiter vermindert wird" (Müller, 2022, S.32).
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Belohnungssysteme sollten sich immer an einem konkreten Ziel orientieren und dabei die individuelle Frustrationstoleranz sowie das Selbstwertgefühl des Kindes berücksichtigen. Besonders bei Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten besteht die Schwierigkeit, dass herkömmliche Belohnungs- und Bestrafungssysteme oft das subjektive Erleben der Kinder nicht ausreichend einbeziehen (vgl. Hehn-Oldiges, 2021).
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Alternative: Gefühle einbeziehen!
Wenn ein Kind frustriert ist und z. B. schreit, fragen Sie: „Wie fühlst du dich gerade?“ Wahrscheinlich wird das Kind sagen, dass es wütend ist. Zeigen Sie Verständnis: „Das ist kein schönes Gefühl.“ Geben Sie dem Kind Zeit, sich zu beruhigen.
Schafft das Kind es in einer ähnlichen Situation, ruhig zu bleiben, fragen Sie: „Wie fühlt sich das jetzt für dich an?“ Teilen Sie auch Ihre eigene Freude mit: „Ich freue mich richtig, dass du das geschafft hast!“
Fehler bei Aufgaben
trainieren

Frustriert bei Fehlern
In der 2. Klasse hatte ich einen Jungen, der sehr wütend wurde, wenn er viele Fehler machte. Beim Korrigieren seiner Matheaufgaben fragte ich ihn: „Wie viele Fehler kannst du aushalten? Einen, zwei ... alle?“ Verdutzt antwortete er: „Korrigier nur einen.“
In der nächsten Stunde stellte ich dieselbe Frage: „Wie viele Fehler darf ich dir zeigen, ohne dass du wütend wirst?“ Dieses Mal sagte er: „Alle.“ Und er blieb ruhig. Ich setzte diese kleine Routine und Begleitung fort – mit der Zeit zeigte sich eine klare Verbesserung seiner Frustrationstoleranz bei Fehlern.
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Wenn man die Buchstaben des Wortes Fehler vertauscht, entsteht Helfer. Genau das sollte Kindern im Unterricht vermittelt werden: Fehler sind Helfer und zeigen Lernfelder. Eine solche Fehlerkultur bewusst vorzuleben und immer wieder zu betonen, hilft Kindern, entspannter mit Fehlern umzugehen.
Refraiming (neu Rahmen):
Im Turnen verlieren

Verlieren im Turnen: Fussball 11 Meter
Schauen Sie sich mit ihrer Klasse einen 11 Meter Schuss an, wo der
eine Spieler den Ball daneben schiesst. Diskutieren Sie:
"Was denkt ihr, wie fühlt er sich? Er hat ja nicht getroffen."
"Hat er jemand geschlagen?"
"Hat er geschrien?"
"Hat er deshalb aufgegeben und ist vom Platz gegangen?"
"Was hatte der Fussballer für eine Strategie für seine Wut/Trauer?"
"Welche Strategien helfen dir, wenn du verlierst?"
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Lernvideo: Was ist gut daran, verlieren zu können?
Im Lernvideo „Verlieren kann man lernen“ zeigt der Psychologe Fabian Grollimund, wie er gemeinsam mit einem Kind die Vorteile des Verlierenkönnens erarbeitet. Dazu gehören Aussagen wie: „Es wäre mir nicht mehr peinlich“, „Meine Freunde würden lieber mit mir spielen“ oder „Sportler können sich dann sofort wieder auf das Spiel konzentrieren.“ Solche positiven Perspektiven stärken die Motivation des Kindes, den Umgang mit dem Verlieren zu lernen.
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Das Video ist unter folgendem Link abrufbar: https://www.fritzundfraenzi.ch/video/verlieren-konnen-ist-lernbar/

Sprache und Wettbewerbs-
orientierung im Unterricht

Worte wirken – der Einfluss von Sprache auf Kinder mit geringer Frustrationstoleranz
Manche Lehrpersonen verwenden im Unterricht mitunter leistungs- und wettbewerbsorientierte Sprache, oft unbewusst. Für Kinder mit geringer Frustrationstoleranz kann dies jedoch zusätzlichen Druck erzeugen. Sie erleben noch mehr Frustrationen, bis sie keine weiteren mehr aushalten können. Die Folge: Rückzug, Arbeitsverweigerung oder lautes Verhalten.
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Ein Perspektivwechsel zeigt, wie sich solche Situationen für ein betroffenes Kind anfühlen können:
„Für mich ist es frustrierend, wenn die Lehrperson vor der Klasse die Kinder lobt, die am schnellsten und fleissigsten gearbeitet haben – und ich gehöre fast nie dazu, obwohl ich mein Bestes gebe."
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Diese Beispiele zeigen, wie entscheidend eine positive Zuwendung unabhängig von Leistung ist. Jedes Kind verdient Anerkennung – nicht nur für Ergebnisse, sondern auch für Anstrengung, Fortschritt und Mut. Die kleinen Fortschritte von Kindern mit herausforderndem Verhalten werden oft zu wenig gesehen. Zudem kann eine Kultur des Leistungsvergleichs sich negativ auf das Klassenklima auswirken.
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Impulse zur Selbstreflexion
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Wie stark ist meine Sprache im Unterricht von Wettbewerb und nicht Motivation geprägt?
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Wie schaffe ich es, bei Prüfungen die Note vom Selbstwert zu entkoppeln?
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Was sage ich einem Kind, das sich angestrengt hat, aber trotzdem eine schlechte Note erhält?
Strategien
Bei Frustration können gemeinsame Strategien erarbeitet werden. Siehe dazu:
🟡 Was nehmen Sie mit?
Notieren Sie 2–3 Impulse oder Ideen, die Sie direkt im Schulalltag umsetzen möchten.